von Torsten Hönisch

Seit Jahren befinden sich die deutschen Hochschulen im Umbruch. Die Einführung des Bachelor- und Master-Systems, Exzellenzwettbewerbe in Forschung und Lehre sowie oftmals die Einführung von Studiengebühren: Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nicht selten entstehen dabei Konflikte und Unmut über die Politik, die mit immer neuen Reformen die Anforderungen an Lehrende, Studierende und Hochschulverwaltungen erhöht. In Hamburg musste im Sommer 2009 die Universitätspräsidentin gehen, nachdem sie den Reformkurs mit zu viel Druck vorangetrieben hatte.


In den letzten Monaten des Jahres 2009 entlud sich dieser Druck in einer neuen Protestwelle der Studierenden, die in zahlreichen Städten Hörsäle besetzen um ihren Forderungen nach Verbesserungen der Studienbedingungen und mehr demokratischer Partizipation an den Hochschulen Nachdruck zu verleihen. Schnell waren Landes- und Bundespolitiker dabei, Verständnis zu zeigen und Verbesserungen anzukündigen. Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Kultusministerkonferenz (KMK), Deutsches Studentenwerk (DSW), gar das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE): Überall wurden Positionspapiere beschlossen, die Veränderungen am Status quo und insbesondere eine Reform der bestehenden Bachelor-Studiengänge einforderten. Wenn es aber an die Umsetzung – und damit verbunden auch die Finanzierung – der Reformprozesse geht, ist es vorbei mit dem Tatendrang. Hochschulen, Landesregierungen und Bundesministerium schieben sich die Verantwortungen für die Missstände hin und her.

Während nun der Verbund der größten Technischen Hochschulen in Deutschland (die sog. TU9) unter Führung des Dickschiffs RWTH Aachen sogar die Wiedereinführung des guten alten deutschen Diploms fordert, scheint zunehmend aus dem Blick zu geraten, worum es bei der Bachelor-Master-Reform eigentlich ging: Relevante Verbesserungen der Studienbedingungen, mehr Praxisorientierung und Softskills sowie die Erhöhung der internationalen Mobilität. Und das alles nicht einfach so, sondern in einem europäischen Kontext im Rahmen des immer wieder zitierten Bologna-Prozesses.

Wie also sind internationale Wettbewerbsfähigkeit im Wettbewerb der Wissensgesellschaften und demokratische Mitbestimmung an den Hochschulen unter einen Hut zu bekommen? Wie lassen sich die bestehenden Missstände in der aktuellen Haushaltslage und dem deutsch-föderalen (Un-)Zuständigkeitschaos in den Griff bekommen?

Die Studierenden jedenfalls haben gezeigt, dass sie sich nicht länger als Versuchskaninchen irgendwelcher Reformprojekte behandeln lassen. Sie werden mit zunehmender Lautstärke relevante Verbesserungen einfordern. Wenn sich nichts ändert, wird der vergangene Bildungsstreik nicht der letzte gewesen sein.

Torsten Hönisch (28) war Vorsitzender des AStA an der Universität Hamburg und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Bürgerschaftsabgeordneten im Bereich Wissenschafts- und Hochschulpolitik. Als Mitglied diverser Gremien und Arbeitsgruppen gestaltet er die aktuellen Reformprozesse in Hamburg aktiv mit.

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Mister Wong