von Anke Erdmann

Seit einem Vierteljahr bin ich nun Landtagsabgeordnete. Eines habe ich fürchten gelernt: Die Parlamentstage!
Drei Tage am Stück tritt einer nach der anderen ans Redepult und es ist, als wolle es nie enden…

Anke_und_Rasmus_im_Kieler_Landtag
Blogs schreiben im Parlament ist natürlich nicht erlaubt. Die Parlamentarier/innen reden gerne vom Respekt vorm Hohen Hause!
Also mache ich das hier in der Mittagspause.
Überhaupt wird im Parlament sehr auf Spielregeln geachtet:
„Es wäre doch wünschenswert, wenn Sie, Frau Erdmann, die übliche Anredeformel verwenden würden…“ wurde mir im Dezember diskret bedeutet: „Herr Präsident, meine Damen und Herren“ – war mir bei dem ein oder anderen Spontanbeitrag vielleicht mal durchgerutscht, dafür versuche ich aber auf meine Vorredner/innen einzugehen.

Mein jüngster Kollege (23) wurde gebeten, er möge sich für seine Reden doch ein Jackett anziehen, das geböte der Respekt vorm Parlament. Der jüngste Kollege hat zwar nicht immer ein Jackett an, aber immer ein paar gute Argumente. Nicht immer üblich.

>> American Debate auf v.f.h.-Seminar ist parlamentarischer

Jede American Debate auf einem v.f.h-Seminar – das schwöre ich – ist interessanter, spritziger und parlamentarischer als unsere Parlamentsdebatten – zumindest in Schleswig-Holstein. Gut ist aber, dass in jeder Fraktion Abgeordnete sind, die von den Debatten im Parlament befremdet sind. Wirklich zufrieden, scheint kaum jemand zu sein – es war halt schon immer so...

Und während sich eine Rede an die andere reiht, während man schon vorher weiß, was die Opposition, was die Regierung wohl sagen und vor allem nicht sagen wird, während ein Standpunkt nach dem anderen beschrieben, aber nicht begründet wird,
während ich mich nach einem Platz sehne, von dem aus ich jedenfalls die Förde und nicht die Regierungsbank sehen kann…

träume ich in den langweiligen Sitzungen vor mich hin: Der Landtagspräsident unterbricht einen der Redner:“ Gestatten Sie, Herr Abgeordneter Jens Jensen, würden Sie bitte ihr Argument nennen?“ Oder „Gestatten Sie, Frau Abgeordnete Friederike Friedrichsen, was sagen Sie denn zu der Bemerkung Ihrer Vorrednerin?“

>> Und mein schönster Traum geht so:

„Herr Ministerpräsident, gestatten Sie – Sie haben das Hohe Haus nun schon mit 30 Minuten Regierungserklärung ohne Argument oder Idee behelligt. Der Respekt vor dem Parlament gebietet es, dass Sie in den verbleibenden 30 Minuten nun auch einmal konkret beschreiben, was Sie in den kommenden fünf Jahren eigentlich vorhaben und wie Sie die Probleme des Landes zu lösen gedenken. Sie können Jackett und Krawatte auch gerne ablegen!“

Und ich bin sicher, mit diesem Traum bin ich nicht alleine – das ist schon mal ein Anfang. Mal sehen, was sich machen lässt.


Anke Erdmann ist seit 1995 im v.f.h. engagiert und Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Schleswig-Holstein. Die wiedergegebene Meinung ist privat und nicht die des v.f.h.

Kommentare  

 
#2 nice 2010-09-26 05:28
Gut ist aber, dass in jeder Fraktion Abgeordnete sind, die von den Debatten im Parlament befremdet sind. Wirklich zufrieden, scheint kaum jemand zu sein
Zitieren
 
 
#1 RE: 2010-02-01 09:49
Super Text!
Zitieren
 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren