von Lutz Prechelt
Wollte man im Mittelalter 200 Kilometer durch Deutschland reisen, so dauerte das eine ganze Woche und man hatte exzellente Chancen unterwegs von Wegelagerern überfallen zu werden. Heute bringt uns ein Zug in 70 Minuten sicher ans Ziel. Sollte man krank werden - damals das weitaus größte Sicherheitsrisiko -, gibt es heute ausgefeilte medizinische Hilfe.
Wenn das sicherheitsummantelte Netzkabel meiner strahlungsgeschützten und TÜV-geprüften Mikrowelle durch fahrlässig rüde Behandlung doch irgendwann kaputt gehen und das Gehäuse unter Spannung setzen sollte, eliminiert der Schutzkontakt die Gefahr.
Man sollte meinen, dass wir in den sichersten Zeiten leben, die man sich vorstellen kann.
Und doch fühlen Viele sich anscheinend ständig bedroht; die Medien jedenfalls reden und schreiben unentwegt von (mangelnder) Sicherheit, oft reichlich aufgebauscht. Bei Google hat "Sicherheit" doppelt so viele Treffer wie "Freiheit" und "Schönheit" zusammen. Das hätte 1793 wohl anders ausgesehen.
Nun also der "Safer Internet Day". Hmm. Ist das Internet denn nicht sicher? Was droht ihm denn, dem armen Ding? Ach so, es geht gar nicht um die Sicherheit des Internets? Sondern um die seiner Benutzer? Verstehe. Und welche Probleme haben die?
"Intimität im Netz", "Meine Daten kriegt ihr nicht", "Handy: lieb und teuer", so heißen drei der Veranstaltungen, die uns am Safer Internet Day blühen. Zweieinhalb davon sind Erfindungen von Erwachsenen für Jugendliche. Bekanntlich kennen sich ja Erwachsene viel besser mit dem Internet aus…
"Aber", so höre ich schon den Einwand gegen meine Polemik, "man muss die jungen Leute doch vor schweren Fehlern schützen!". Nein. Muss man nicht. Jedenfalls nicht bei den meisten solchen Fehlern. Obige drei Themen könnte man durchaus auch so betrachten: Das Erwachsenwerden war schon immer anstrengend, unsere heutigen bürgerlichen Vorstellungen von Privatsphäre dürften, was persönliche Daten im Netz angeht, in 30 Jahren wahrscheinlich so altmodisch wirken wie heute ein Handkuss, und wer einmal in eine Abofalle getappt ist hat wahrscheinlich gelernt, was ein zivilrechtlicher Vertrag ist und wie man wieder rauskommt und macht irgendwann später einen anderen, dann oft teureren Fehler nicht mehr.
Mehr Freiheit ist an vielen Stellen eine sehr attraktive Alternative zu mehr Sicherheit, auch wenn sprachliche Nebelbomben es immer schwerer machen, sich dessen bewusst zu werden:
• Die Vorratsdatenspeicherung müsste genauer Kommunikationsverbindungs-Sammlung-ständig-für-alle heißen – und prompt würde man merken, dass man in seinen Gewohnheiten erfasst wird. Verhältnismäßigkeit?
• Die Videoüberwachung in der U-Bahn ist der Versuch einer Passagierüberwachung. Aber ob der irgendwas hilft, weiß man gar nicht recht. Im öffentlichen Raum schon eher: Hilft faktisch fast gar nicht. Und so weiter. Aber der Zeitgeist funktioniert halt gerade anders. Am 9. Februar ist es soweit: Der Safer Internet Day kommt und das Internet wird endlich wieder ein bisschen sicherer. Viel Spaß!
Lutz Prechelt ist Gründungsmitglied des v.f.h. und Informatikprofessor an der Freien Universität Berlin. Der Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors und nicht die des v.f.h. wieder.
